Der Fahrradalltag ist in Leipzig und in anderen Städten alles andere als einladend. Ständig gerät man in gefährliche Situationen oder wird auf einen Radweg verwiesen der schlicht nicht benutzbar ist. Nutzt man dann doch mal die Straße (An Stellen an denen die Radwegbenutzungspflicht aufgehoben wurde) wird man angepöbelt und wild beschimpft. Es vergeht eigentlich kein Tag an dem ich mit meinem Rad nicht in gefährliche Situationen gerate und das obwohl ich mich an die Regeln halte.

Normale Situationen sind enge Überholmanöver (obwohl 2m vorgeschrieben sind). Rechtsabbieger, die meine Vorfahrt nicht beachten (Radfahrer hat Vorfahrt, auch wenn er noch hinter dem rechtsabbieger ist). Hin und wieder muss ich Vollbremsungen hinlegen oder gewagte Ausweichmanöver machen. Das ich bisher im Stadtverkehr keinen Sturz hatte oder mit einem PKW kollidiert bin ist eigentlich nur meiner ständigen Bremsbereitschaft an Kreuzungen oder anderen potentiell gefährlichen Stellen geschuldet. Man kann als „erfahrener“ Radfahrer gefärliche Situationen förmlich ahnen und ist oft völlig überrascht, wenn man im Rückspiegel des PKW sieht, dass man gesehen wurde und einem die Vorfahrt gewährt wird, was leider nicht die Regel ist. Hinzu kommt, dass Radwege oft blockiert sind, in miserablem Zustand sind oder als zusätzliche Fahrspur missbraucht werden oder in Sommermonaten völlig überlastet sind.

Ich schreibe das keineswegs überspitzt. Genau das ist mein Eindruck vom Radverkehr in der Stadt und genau wie mir geht es vielen anderen Radfahrern. Man fühlt sich allein gelassen von Politik und Kommunen. Zeigt man z.B. zu enge Überholmanöver an, werden die Verfahren in der Regel eingestellt. Stellt man Anfragen bei der Stadt wird einem mitgeteilt das man sich kümmern wolle, wartet dann aber vergeblich auf eine Verbesserung der Situation. Der Radverkehr in Deutschland ist eine riesengroße Baustelle. Im Autoland Deutschland ist es schlicht unvorstellbar, dass man andere Verkehrsarten als das Auto bei der Staßenplanung berücksichtigt.

Die Critical Mass – Die Antwort der Radfahrer

Auf Grund dieses Ohnmachtsgefühls und regelmäßigen Meldungen von getöteten Radfahrern haben sich Radfahrer eine Aktion ausgedacht. Die Critical Mass (kritische Masse). Radfahrer treffen sich in der Regel 1x pro Monat (in Leipzig der letzte Freitag im Monat 18:00 Uhr auf dem Augustusplatz) um gemeinsam Rad zu fahren. Laut STVO fahren alle im Verband und dürfen (müssen sogar) die Fahrbahn nutzen. Alles was man dafür braucht sind mindestens 15 Radfahrer (§ 27 der Straßenverkehrsordnung) und viel gute Laune. So fährt man gemeinsam auf den Straßen durch die Städte. 1x im Monat völlig Angst und Stressfrei und ohne auf die vernachlässigte Infrastruktur für Radverkehr zu achten. Zugegeben. Nicht alle Autofahrer finden das so besonders berauschend und der eine oder andere Konflikt mit wütenden Autofahrern ist Vorprogrammiert, doch auch genau das ist die Kernaussage dieser Aktion. Radverkehr in den Städten hat schon längst die kritische Masse überschritten und die Infrastruktur ist immer noch auf dem Stand von vor 30 Jahren. Immer noch haben Autos die Städte fest in der Hand, obwohl das Fahrrad in Zeiten der Klimakrise und schlechter Luft in den Städten viel mehr gefördert werden müsste.

Liebe Autofahrer, ihr steht doch sowieso jeden Tag im Stau fest. Da stört es doch nicht, dass ihr heute mal 10min. länger im Stau steht oder? Das macht einen kleinen Anteil der Zeit aus, die ihr ohnehin vergeudet. Denkt an die guten und sinnvollen Hintergedanken, die diese Aktion hat und schließt euch vielleicht beim nächsten mal an denn Radfahren macht trotz aller Probleme unheimlich viel Spaß, ist gut für die Umwelt und für die Gesundheit.

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