Kennt ihr den Spruch einer angehenden Abiturientin die sagte: „Ich bin fast 18 und habe keine Ahnung von Steuern, Miete und Versicherungen. Aber ich kann eine Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“ Um dieses Thema geht es dieses Mal beim Webmasterfriday

Ich muss zugeben, für mich ist das ein recht schweres Thema. Ich habe noch keine Kinder, aber es ist nicht so lange her, dass ich als Hauptschüler aus der Schule raus bin. Doch was ich hatte, war eine erfüllte Kindheit und Jugend. Ich habe mit 13, 14, 15 nicht so viel von Schule gehalten. Da ich auf Grund eines Durchschnitts von 3,1 einfacher „dummer“ Hauptschüler war (Ab 3,0 kam man in die Realschule). Mir war sowieso alles egal. Ich war die Unterschicht und das war mir zu dem Zeitpunkt auch ganz recht. Nie etwas gelernt – nicht einmal für die Prüfung hatte ich ohne Stress den qualifizierten Hauptschulabschluss in der Hand. Doch nun kommt die Frage was tun? Mit so einem Hauptschulabschluss steht man irgendwie blöd da. Also dachte ich mir, steige ich weiter auf. Beim Realschulabschluss das gleiche Bild, ich habe nie gelernt und schaffte es trotzdem ohne Probleme.

Die danach folgende Zeit ist mehr oder weniger geprägt von Ausbildungen und Zeitüberbrückungen. Eine Ausbildung schaffte ich, die andere nicht. Ich hatte nie gelernt zu lernen. Ich wusste einfach nicht, wie das geht und da die Erzieherausbildung sehr theoretisch war, bin ich hier gnadenlos durchgefallen. War ich also auch nur ein Opfer des Systems?

Wenn einem so etwas passiert und etwas nicht schafft, was einem die ganze Perspektive offengehalten hat, dann fällt man plötzlich in ein schwarzes Loch. Doch ich konnte ja schon einiges. Ich war belastbar, hatte sowieso eine soziale Ader und konnte gut mit Menschen. Auf dem Arbeitsamt sagte man mir, Es gäbe nichts für mich. Ich arbeitete schwarz und ein paar Monate in einem Kindergarten im Rahmen eines Bundesfreiwilligendienstes. Doch das war alles nichts halbes und nichts ganzes. Als mein Bufdi abgelaufen war, wusste ich immernoch nicht wie es mit mir weiter gehen soll. Also bewarb ich mich für ein freies soziales Jahr im Pflegeheim, wo ich heute noch bin.

Diesen Spruch meiner Heimleiterin nach 2 Tagen Probearbeit werde ich nie vergessen: „Tut mir Leid, wir haben keine Stelle für Sie im Rahmen eines sozialen Jahres“. Meine Kinnlade klappte herunter. Ich wollte gerade fragen, warum sie mich denn zum Bewerbungsgespräch einlädt und 2 Tage arbeiten lässt, da setzte sie ihren Satz fort: „Aber ich kann Sie als Pflegekraft einstellen“. Mein Herz machte einen Sprung. Ich war plötzlich nicht mehr der Verlierer, sondern hatte einen festen und ehrlich bezahlten Job. Erst als ich hier vor etwa 4 Jahren an kam war mein Leben wieder relativ erfüllt.

So, jetzt habe ich meine gesamte Geschichte erzählt. Heute bin ich kurz vor der Prüfung zum Altenpfleger. Mit 25 Jahren habe ich die Ausbildung recht spät angefangen und weiß wahrscheinlich auch so langsam worauf es im Leben an kommt und vor allem was ich will. Unter Druck gesetzt habe ich mich in meinem Leben nie so recht gefühlt. Außer in den Zeiten der Perspektivlosigkeit. Man fühlt sich wertlos und schlecht.

Über die Jugend denke ich heute etwas anders. Es ist viel zu früh. Auch bei Abiturienten, ihren Abschluss zu machen. Mit 15, 16 oder eben 18 weiß doch keiner so richtig was er machen soll und will. Woher soll man denn wissen, was einem liegt? Daher geht man im Rahmen eines Schulausflugs in ein BIZ und lässt sich ausrechnen was man machen kann. Meine berufliche Zukunft laut diesen Computern wäre Stukkateuer gewesen. Es ist sowieso komisch, dass wir unser Leben immer öfter von Computern berechnen lassen, statt einfach mal selbst zu denken.

Ich als jemand der mit fast 30 keinen Lückenlosen Lebenslauf bereue heute nichts. Ich habe Erfahrungen gemacht, wodurch ich gelernt habe, was ich bin und was ich will. Ich finde es nicht schlimm wenn jemand eine Prüfung nicht schafft. In meinen Augen ist er nicht abgeschrieben so wie ich mich damals gefühlt habe. Auch wenn wir nur „Leistungsmaschinen“ sind, sind wir doch auch Menschen für die es normal ist, auch mal zu fallen. Es ist jedem sein gutes Recht eine Ausbildung nicht abzuschließen, oder ein paar Monate Arbeitslos zu sein. Nur fangen sollte man sich irgendwann wieder, denn Arbeit bedeutet auch soziale Sicherheit. Doch leider akzeptiert das eine Leistungsgesellschaft nicht und ich finde es wird immer schlimmer. Man muss alles schaffen und alles machen. Es muss sowieso ein Abitur sein. Ein geringerer Abschluss wird von manchen Eltern nicht akzeptiert. Wenn man später kein gutes Geld verdient ist man wertlos! Oder Wert-los?

So schlängelt sich die Jugend heute nach der Schule durchs Leben. Fängt ein Studium nach dem anderen an und weiß nicht was sie machen soll. Um wieder auf das oben erwähnte Zitat von dem Mädchen zurück zu kommen: etwas mehr Freiheit hätte dem Mädchen sicher gut getan. Es hätte sich mit dem Leben beschäftigen können. Das muss sie nun eben nach der Schule nachholen. Ich wüsste zu gern was aus ihr geworden ist.

Es ist nicht gut sich immer nur einem System zu beugen, was einem zur Maschine macht. Gerade im Jugendalter sollte man Leben. Das nicht nur für die Wirtschaft und fürs Geld. Darum meine Appell, dass unsere Jugend gerade bei sehr hohem Leistungsdruck den wahren Sinn des Lebens nie aus den Augen verlieren soll. Welcher das ist? Sie müssen es schon selbst herausfinden. Durch Arbeit, Leistung und Lernen findet man ihn allerdings nicht.

 

One Thought on “Die Jugend und die Bildung

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