Eisenbahnstraße, internationale LebensmittelWir stehen in der Eisenbahnstraße. Gleich am Anfang. Uns gegenüber befindet sich ein internationaler Lebensmittelladen. Es ist warm und wir sind durstig. Also beschließen wir hier etwas zu trinken zu kaufen.

Der Laden wirkt etwas heruntergekommen und verwahrlost. Die Waren sind einfach lieblos gestapelt. Wir nehmen uns zwei Wasserflaschen, bezahlen 50 Cent beim freundlichen Kassenwart und verschwinden. Der Laden wirkt nicht abstoßend auf mich. Eher ein wenig ungewohnt. Ich als Dorfkind kenne nur die gut aufgeräumten Supermärkte. Es ist neu für mich, dass Lebensmittelläden auch in diesem Stil geführt werden können.

Immer noch stehen wir in der Eisenbahnstraße. In 10 Minuten haben wir hier eine Wohnungsbesichtigung. Gleich neben der S-Bahn Station und dem internationalen Lebensmittelgeschäft. zwei Etagen unter der Wohnung die wir uns ansehen befindet sich eine Spielothek. Hier wird gerade eine neue Scheibe eingebaut. Das ist der Ort, an dem sich vor wenigen Tagen eine Schießerei zugetragen hat, bestätigt uns wenig später die Maklerin, die uns die Wohnung zeigt.

Ein Anruf: Eine Maklerin einer anderen Wohnung möchte sich erkundigen ob wir denn nach den Vorfällen an der Wohnung interessiert seien. Ich bestätigte, sie bedankte sich, weil ihr seit dem Vorfall die Kunden weg rennen und zu vereinbarten Terminen nicht erschienen. Es ist ärgerlich wenn man da steht und es kommt keiner…

Die Maklerin der ersten Wohnung begrüßt uns. Wir sehen uns die erste Wohnung an. 490€ Kaltmiete will sie haben. Die Wohnung befindet sich in einem nicht besonders guten Zustand und auch die Fenster, die sie uns als Schallschutzfenster verkaufen will, halten den Lärm der Straße nicht wirklich fern. 490€ kalt und über 700€ Warmmiete sind für diese Lage und diesen Zustand zu viel Geld. Immerhin sind in dieses Haus vor ein paar Tagen erst Kugeln eingeschlagen. Wie setzt sich der Preis zusammen? Warum wird solch eine Wohnung zu diesem Preis verkauft? Etwa ein erstes Anzeichen für die zunehmende Gentrifizierung dieses Viertels?

Der Weg zur zweiten Wohnung

Am Anfang der Eisenbahnstraße dachte ich noch „Ob das gut geht“. Doch die zweite Wohnung liegt in einer Seitenstraße fast am Ende der Eisenbahnstraße. Der angeblich gefährlichsten Straße der Welt. Je weiter hinter wir kommen, desto ruhiger wird es. Wir kommen vorbei an heruntergekommenen, schäbigen Läden. Dazwischen sind tolle, moderne und fast ein wenig edel wirkende Läden, Restaurants usw. Solche Akzente kann wohl nur die Eisenbahnstraße setzen. Zwischendurch finden sich immer wieder völlig leer stehende Häuser, die an sich sehr schön sind, aber dringend Pflege benötigen. Doch da wo die Gebäude gepflegt werden sieht man immer wieder Schilder an den Häusern. „Hier enstehen luxuriöse Eigentumswohnungen im Hochpreissegment“. Ich frage mich wer hier wohl hin ziehen möchte, der viel Geld hat. Ich kann die Frage nicht so ganz beantworten. Nicht umsonst sind wir hier auf Wohnungssuche (2 Studenten und ein Berufsanfänger).

Gegenüber der zweiten Wohnung befindet sich genau ein solches Luxusbaupjojekt. Die zweite Maklerin zeigt uns eine Dachgeschosswohnung mit Dachterasse aber mit doch recht kleinen Zimmern und offener Küche. Eine schöne Wohnung. Doch irgendwie scheinen wir nicht ins Konzept der Maklerin zu passen. sollen hier Familien einziehen, arbeiter mit etwas mehr Geld als wir? Sie erzählt uns nichts, wirkt angestrengt und steif. Wir passen ihr wohl nicht ganz ins Konzept mit unserer Vorstellung eine WG zu gründen. Die Wohnung ist auch nicht ganz WG geeignet. Sollen sich hier in Zukunft lieber Familien ein schönes Leben machen und so die Gentrifizierung weiter vorran treiben.
Vor dem Eingang warten schon die nächsten Interessenten an der Wohnung. Sie wirken aber auch nicht viel seriöser als wir. Im Gegenteil…

Wohnung Nr. 3

Die Wohnung ist ein einem schlechten Zustand. Die Maklerfirma will wohl auch Geld sparen und so zeigt der Hausmeister uns das Objekt. Eine runtergewirtschaftete Wohnung, die aber irgendwie seinen Charme hat. Hier ist alles dreckig, die Rollos der Dachfenster hängen lose herunter, die Badlampe ist völlig verkeimt und die Wohnung ist völlig ungeputzt zurückgelassen worden. Sie ist zwar bezahlbar, aber in einer völlig heruntergewirtschafteten Wohnung möchte man dann auch nicht wohnen.

Zwischen der dritten Wohnung und der vierten Wohnung haben wir ein wenig Zeit. Wir setzen uns in eines der modern wirkenden Restaurants genau gegenüber eines internationalen Lebensmittelgeschäfts. Ich bestell eine überdimensional große Pizza für 4,90€. Zum ersten mal seit langem bin ich von einer Pizza wirklich satt. Während wir hier sitzen können wir dem Treiben in der Eisenbahnstraße zusehen. Es ist wie in anderen Straßen auch. Nur sieht man hier mehr Menschen mit Migrationshintergrund. Doch von Gefährlichkeit ist hier nichts zu sehen. Plötzlich wird es laut und eine „Demonstration“ kommt die Straße entlang. Eine Schar von Kindern wirbt für ein alternatives Jugendzentrum (oder so etwas ähnliches). Erstaunlich ist, dass hier offensichtlich Kinder mit Migrationshintergrund und deutsche Kinder gemeinsam Spaß haben.

Wohnung Nr. 4

Wohnung Nr. 4 befindet sich direkt vor einem Park und einer Kirche. Der Pfarrer hier muss es nicht leicht haben. Hier sitzen die Alkoholiker im Park. Vor den Plattenbauten, die sich recht ungeschickt in die Altbauten einreihen ist eine junge Familie. Aus irgendeinem Grund scheinen sich alle anzupöbeln. Ich muss mir eingestehen, dass ich solche Menschen verabscheue und das bunte Treiben der Eisenbahnstraße wesentlich sympatischer finde.

Doch die Wohnung ist toll. Frisch saniert, mit einer Küche in die man noch einen Tisch hinein bekommt und 3 tollen Zimmern. Sogar das Bad ist groß. und sehr geräumig. Von dem „Assigeschrei“ hört man hier auch nichts mehr. Auch diese Wohnung befindet sich im Dachgeschoss (aber mit Aufzug). Die Maklerin ist sehr sympatisch. Sie erzählt von ihren Problemen nach dem Vorfall mit der Schießerei überhaupt noch Wohnungen los zu werden und sagt uns das diese Wohnung kaum Interessenten hat. Für den Preis von über 600€ ist die Wohnung allerdings auch etwas über unseren Preisvorstellungen aber bezahlbar. Sollte es nichts besseres mehr geben werden wir uns wohl hierfür entscheiden.

Das ist Leipzig

Auf dem Rückweg zum Bahnhof gehen wir noch etwas zu trinken kaufen. Der Netto um die Ecke der Wohnung ist dafür wie auserwählt. Auch hier spiegelt sich das Bild wieder was wohl für diesen Teil des Viertels prägend ist. Vor dem Eingang stehen Männer mit Bierflaschen. Eine Frau Brüllt einen Mann an, dass er sie in Ruhe lassen soll. Er brüllt zurück: Du bist die Frau und musst dich um mich kümmern“. „Du kannst mir mal zeigen wie spät es ist“. Etwas schwankend und leise fluchend trabt er ab.

Das ist also Leipzig. Das ist das Wohngebiet in dem ich zukünftig wohnen werde. Es hat seine guten und schlechten Seiten, an die ich mich sicher noch gewöhnen muss und hoffentlich auch kann. Ob ich wirklich in einem sozial schwachen Viertel oder lieber ein paar Menschen mit Migrationshintergrund im Haus haben will weiß ich noch nicht genau. Im Haus der vierten Wohnung scheinen solche Menschen nicht zu wohnen, eher kommen diese Menschen aus den Plattenbauten, in denen die 3-Raumwohnungen um ein vielfaches günstiger sind als unsere Altbauwohnung. Doch will man wirklich noch weniger Geld ausgeben um dann solche Menschen als Nachbarn haben?

 

 

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