Sexualassistenz in Deutschland immernoch ein Tabu

Warum soll man ihnen Intimität und Nähe verwehren?

Neulich war in der Welt Online über Sexualassistenz zu lesen: Grüne fordern Sex auf Rezept für Pflegebedürftige. Auch andere Medien sprangen auf den Zug auf. Wie zu erwarten löste auch das wieder Empörung aus. „Sex auf Rezept? Bekommt man doch sonst auch nicht“. Doch wenn man das ganze mal etwas differenzierter betrachtet, warum nicht?

 

Die Welt schreibt völlig unseriös und scheint nicht recherchiert zu haben:

[…]“Nach Ansicht der Grünen sollen Pflegebedürftige und Schwerkranke in Zukunft den Geschlechtsverkehr mit Prostituierten bezahlt bekommen können. „Eine Finanzierung für Sexualassistenz ist für mich vorstellbar“, sagte die pflegepolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Elisabeth Scharfenberg, der Welt am Sonntag. „[…]

Was denn nun? Soll Prostitution bezahlt werden oder doch eben die sogenannte Sexualassistenz? Laut der Zeitung ist da ja anscheinend kein Unterschied. Sexualassistenz wird von Prostituierten durchgeführt und es kommt in jedem Fall zum Geschlechtsverkehr. So kann man es in dem Artikel deuten. Als Beweis dafür holt die Welt noch einen Pflegewissenschaftler der Hochschule Nordhausen raus, der das ganze noch als Menschenverachtend bezeichnet. Es ginge lediglich um sexuellen Druckabbau und schon ist die Schlagzeile perfekt.

Was ist eigentlich Sexualassistenz?

Ein Grund warum ich mich darüber so aufrege ist, dass Sexualassistenz ganz und gar nicht mit Prostitution zu vergleichen ist. Nur weil in Deutschland der Begriff nicht geschützt ist, bieten Prostituierte in Pflegeheimen „Sexualassistenz“ an. Doch hierbei geht es wirklich um einen anderen Begriff für Prostitution und verschleiert den eigentlichen Sinn von Sexualassistenz.

Das Problem ist, dass der Begriff in Deutschland nicht definiert ist. Doch Frau Scharfenberg von den Grünen meint ein Modell nach Niederländischer Art. Das machte sie auf ihrer Facebookseite noch einmal deutlich.

Sexualassistent wie es in den Niederlanden erfolgreich geschieht bezeichnet auf keinen Fall Sex auf Rezept. Tatsächlich muss man das ganze noch weiter in passive und aktive Sexualassistenz differenzieren. Passive Sexualassistenz bezeichnet Beispielsweise das ermöglichen von Sex zwischen zwei Behinderten. Katja stellt das ganze sehr gut und anschaulich dar. Hier geht es eben darum Selbstbefriedigung zu ermöglichen oder Fahrdienste bereit zu stellen, den Sexpartnern eben zu ermöglichen miteinander intim zu werden.

Bei aktiver Sexualassistenz dagegen wird mit dem Pflegebedürftigen aktiv eine sexuelle Begegnung gestaltet. Doch anders als bei der Prostitution geht es nicht um die Erfüllung eines Jobs, […]“sondern dem Mann oder der Frau eine individuelle Ausdrucksmöglichkeit ihrer/ seiner ganz eigenen Sinnlichkeit zu ermöglichen.“[…]. Das ganze hat also eher einen therapeutischen Ansatz und verfolgt eine ganz andere Intention. SexarbeiterInnen haben nicht das Bedürfnis bei den Kunden irgendeine Nähe zu erzeugen. Es geht um den reinen Sex, nicht um Nähe oder Individualität. Bei Sexualassistenz steht genau das im Vordergrund. Dabei entscheidet auch der Sexualassistent wie weit er geht. Es geht nämlich nicht um Sex auf Rezept.

Die Debatte muss differenzierter geführt werden

Aus der Erklärung kann man erkennen, dass es bei Sexualassistenz nicht um den reinen Geschlechtsverkehr geht. Es geht auch nicht vordergründig um Prostitution, wie die Welt das so schon illustriert hat. Natürlich muss man darüber diskutieren wie weit Sexualassistenz gehen kann. Doch das ganze pauschal zu verteufeln ist der völlig falsche Weg.

Wir brauchen in Deutschland eine sachliche Debatte und vor allem erst einmal die Informationen darüber, was Sexualassistenz überhaupt ist. Die Begriffe müssen definiert werden und die Berufsbezeichnung evtl. geschützt werden. In Deutschland ist es nämlich tatsächlich gängige Praxis, dass Prostituierte auch „Sexualassistenz“ anbieten. Teilweise zu völlig übertriebenen Preisen. Hätten die Medien in diesem Fall ein wenig recherchiert und differenziert berichtet, wären sie nicht zu diesem „skandalösen“ Schluss gekommen. Aber anscheinend ist ja eine Schlagzeile wichtiger als Fakten. Kein Wunder das die Medien von einigen als „Lügenpresse“ beschimpft werden.

Ich als Altenpfleger halte Sexualassistenz für bestimmte Menschen durchaus für positiv. Auch Behinderte und Alte haben ein Bedürfnis nach Intimität und Sexualität. In der Gesellschaft gilt das aber noch als „eklig“ oder „widernatürlich“. Oft wird diesen Menschen Sexualität verwehrt. Sei es durch Umstände wie z.B. Doppelzimmer oder einfach weil die Pflege es „eklig“ findet und deshalb nicht ermöglicht. Doch das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht und sollte muss auch Menschen ermöglicht werden, die es eben nicht selbst können.

 

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